Iskander – eine vergleichende Bioskopie

Geboren wurde Tunahan Iskander˟ in demselben Jahr wie ich, 1982, in Schaffhausen. Schaffhausen, Stadt am Rhein, Hauptort des gleichnamigen Kantons. Auch hier erste Parallelen, da auch ich in dem an einem anderen Fluss gelegenen Hauptort eines anderen, aber ebenfalls mit dem Hauptort gleichnamigen Kantons geboren wurde, dessen Name mit Schaffhausen sogar den Anfangsbuchstaben gemeinsam hat. Aus numerologischer und gematrischer Sicht also gäbe es wohl bereits mit diesen Eckdaten hinreichenden Grund, bei Iskander und mir so etwas wie eine geistige monozygotische Zwillingschaft festzustellen, doch da ich glücklicherweise an derlei Erkenntnismethoden genau so wenig glaube wie an die Illusion einer persönlichen Beziehung zu einem mutmaßlichen Gottessohn oder an Engelsbotschaften, bleibt mir nur, andernorts nach Gemeinsamkeiten zu suchen, zuversichtlich, dass diese sich ohne Mühe finden lassen.

˟Aus Indexierungsgründen und aus Rücksicht auf die Person wurde der Name geändert. Es ist aber jeder*m klar, um wen es sich handelt.

Iskanders Eltern, über die mir sonst nichts bekannt ist, beschließen, als Iskander noch keine zwölf Jahre alt ist, auf die Philippinen auszuwandern und dort ein Hotel zu gründen. Die Philippinen, ein Inselstaat in Südostasien, durch die Celebessee im Süden von dem anderen Inselstaat getrennt, in dem sich ungefähr zwölf Jahre früher meine Eltern kennengelernt hatten. Was seltsam anmutet: Iskander geht nicht mit seinen Eltern mit, sondern verbleibt – anscheinend auf eigenen Wunsch – in der Schweiz. Er lebt fortan bei einer Pflegefamilie, einer freikirchlichen, was zur Folge hat, dass Iskander, wie er später mehrmals über sich sagen wird, »glauben lernt«.

Da dies nun kein Essay über die menschliche Fähigkeit werden soll, wissentlich und willentlich die Immunreaktion gegen Glaubensinhalte, die für einen gut alt‑positivistisch verstandenen Realitätssinn eine Zumutung sind, zu suspendieren, sei in dieser Hinsicht nur noch bemerkt, dass diese Fähigkeit offenbar beinhaltet, eine Transferleistung erbringen zu können, durch welche der Mensch, der an einer Religion das »Glauben gelernt« hat, dieselbe Kompetenz auch auf eine andere Religion anwenden kann. Der Transfer erfolgt, auch wenn dies für einen Menschen, der glaubt, seine Religion sei die bessere, eine Kränkung sein mag, keineswegs von der »schlechteren« zur »besseren« Religion, sondern in beliebiger Richtung, wofür selbstverständlich die Beispiele zahlreich sind.

Nach Abschluss der Sekundarschule macht Iskander eine Informatikerlehre und erhält sein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis. Auch ich bin zu dieser Zeit schon tief in der Informatik drin, auch wenn ich erst viele Jahre später einige Jahre in diesem Bereich arbeite. Iskander organisiert Technopartys und betreibt das Label Hardbeat Records, in eigenen Worten ein Trance- und Techno‑Label. Aktivitäten, die dem Bild des später bärtig und ganz in weiß auftretenden Abdulwahab Iskander, der seine Sache auf die Religion gestellt hat, scheinbar widersprechen, sich aber so trefflich in ein Bekehrungsnarrativ aufnehmen lassen wie die zuhauf platzierten Stories von Straftäter*innen und Drogenabhängigen, in deren Leben nach einer oftmals als vom Gekreuzigten selbst kommenden Rettung empfundenen Hinwendung zum Gekreuzigten eine Besserung eintritt. Warum auch nicht. Wer weiß, vielleicht ließen sich mit der richtigen Kommunikation »techno‑islamische« Gemeinden auf die Beine stellen, ähnlich wie die ICF es mit ihrem Christuspop schon lange getan hat.

Iskander jedenfalls entscheidet sich für einen ganz anderen Ausdruck des Islam, als er nicht lange nach den Anschlägen vom 11. September seine Glaubensleistung vom christlich‑freikirchlichen Glauben auf den Islam transferiert. Zeit für eine Rückblende. Wo war ich am 11. September? Im Wald, mit einem Freund und dem Hund seiner Großeltern spazieren. Der Freund erhielt auf dem Handy eine Nachricht von einem anderen Freund, die uns auf die gerade stattgefundenen Anschläge aufmerksam machte. Im Anschluss war ich unter Solothurns Bekifften Bin Ladens größter Fan. Warum eigentlich? Ich war weder Muslim noch besonders antikapitalistisch-antiimperialistisch eingestellt. In den folgenden Tagen pries ich mit dem Joint in der Hand Bin Laden, ohne mich für den Islam auch nur im Geringsten zu interessieren. Eine Entwicklung hin zu so etwas wie den sich dem Daesh anschließenden Konvertiten späteren Datums war undenkbar. Ich nutzte einfach schäbig die »Gunst der Stunde«, um einen auf konträr zu machen – ein Verhalten, das man, anders als andere Dispositionen, welche manchen zuwider sind, mit Fug und Recht als pubertär bezeichnen kann. Es hielt denn auch nicht lange an.

Anders bei Iskander. Dass im vorhergehenden Abschnitt von den Anschlägen vom 11. September die Rede ist, soll dabei nicht bedeuten, dass ich ihm irgendwelche Terrorsympathien unterstelle. Auf die Ereignisse wird nur Bezug genommen, um hervorzustreichen, wie unterschiedlich die Bedeutung derselben Ereignisse für Menschen sein kann, die zur gleichen Zeit gleich alt sind, nicht weit voneinander entfernt wohnen und darüber hinaus anderes gemeinsam haben. Für Iskander beginnt nämlich angeblich mit den Anschlägen eine intensive Beschäftigung mit dem Islam, welche schließlich zu der für den Rest seines Lebens so bestimmenden Konversion führt.

Iskander ist politisch aktiv. Verschiedentlich gerät er auf das Radar der Schweizer Strafverfolgungsbehörden, unter anderem durch sein extremes Verhalten auf Kundgebungen. Zur gleichen Zeit, als die Konversion stattfindet, ist Iskander noch AUNS‑Mitglied, als welches er 2002 in Schaffhausen eine Kundgebung gegen den Beitritt der Schweiz zur UNO mitorganisiert. Was eine Mehrheit seiner ehemaligen AUNS‑Brüder mutmaßlich vom Islam und damit von Iskanders späterer Gründung des Islamischen Zentralrats hält, ist ihm ohne Zweifel bewusst.

Es ist ungefähr 2005. Iskander und ich würden beide gerne an einer Universität studieren, können aber nicht. Soweit ich das eruieren kann, ist der Grund bei ihm schlicht, dass er bis dahin kein Gymnasium besucht hat – bei mir, dass ich das Gymnasium mehrfach abgebrochen habe. Wir entscheiden uns für den im Grunde gleichen Lösungsweg, nämlich dafür, uns im Fernunterricht auf staatliche Prüfungen vorzubereiten, durch deren Bestehen wir die allgemeine Hochschulreife erlangen. Iskander wählt die AKAD und die Eidgenössische Matura, ich aus Kosten- und Modalitätsgründen – beim deutschen Anbieter gibt es vor den Prüfungen keine obligatorische Präsenzphase – eine deutsche Fernschule und die Externenprüfungen der Freien und Hansestadt Hamburg. Weil keine Schulnoten ins Zeugnis einfließen, lässt Iskander sich in neun (?) Fächern prüfen, ich mich in acht. Bei den Prüfungen erzielen wir beide gute Leistungen: ich bin der Zweitbeste des Prüfungsgangs (Frühjahr 2008), Iskander der Beste. Beide Angaben lassen sich vermutlich leicht bei der jeweiligen Behörde verifizieren. Übrigens wurde ich von Malcolm McLaren, ehemals Manager der Sex Pistols, in einem Artikel in Wired erwähnt.

Für mich ging die (Bildungs-)Reise dann mit dem Erstversuch meines Mathematikstudiums weiter, während Iskander sich fast zeitgleich an der Universität Bern für ein Studium der Fächer Geschichte und Islamwissenschaft einschrieb. Vor der Wiederaufnahme meines Mathematikstudiums schob ich 2010 ein 2014 abgeschlossenes Studium der Musikwissenschaft in Graz ein, in welchem ich in einer Ethnomusikologievorlesung zumindest kursorisch die Sufi‑Musik kennenlernte, während Iskander Arabisch lernte, welches er heute zweifelsohne auf hohem Niveau beherrscht.

2009 gründet Iskander mit anderen Gründungsmitgliedern den Islamischen Zentralrat der Schweiz. Die bis heute bestehende Organisation wächst auf weit über 3000 Mitglieder an und unterhält bis vor kurzem (?) Beziehungen zu Geldgebern in Katar. Seit Jahren geben Iskander und sein prominentester Mitstreiter B. dem fundamentalistischen Islam in der Schweiz ein Gesicht. Die Bilder eines ganz jungen Iskander, der auf einer Kundgebung die israelische Flagge verbrennen lässt und in unverhohlenem Zorn seine Meinung schreiend kundtut sind mir im Gedächtnis geblieben. Bei allen späteren – nach der Gründung des IZRS aufgenommenen – öffentlichen Auftritten fällt mir jedoch auf, dass Iskander ein besonnener, niemals emotional werdender Gesprächsteilnehmer geworden ist, aus dem Intelligenz und Bildung sprechen – Qualitäten, die er vielen seiner Gegner voraus hat. Auch wenn ich Iskanders Programm keineswegs unterzeichnen kann, stelle ich fest, dass durchweg er es ist, der den linguistic high ground innehat.

Wenn ich Mutmaßungen über die Beweggründe eines Menschen anstelle, möchte ich mir stets ins Bewusstsein rufen, dass damit die Grundanmaßung verbunden ist, einen Menschen verstehen zu können – eine Anmaßung, die meistens an der Inkommensurabilität individueller Dispositionen scheitert. Gleichwohl meine ich in Iskanders Bestrebungen eine Auflehnung zu erkennen, welche mit meiner eigenen verwandt ist – gegen die Netten, als er der AUNS beitritt; gegen die Christen, als er beschließt, sich den Islam auf die Fahne zu schreiben. Und es ist dies vielleicht die größte konträre Bewegung: statt einfach, wie ich, stramm atheistisch zu sein, setzt er an die Stelle des Christentums das Konkurrenzangebot, das zumindest als fremd, von vielen aber als bedrohlich wahrgenommen wird; lässt sich keinesfalls unterstellen, dass ihm der Sinn fürs Religiöse abgehe, sondern profiliert sich im Gegenteil als tief- aber dezidiert andersreligiöser Mensch. So wird die Performance Iskander für mich zu einer Art hochsublimiertem Islam‑Punk, in dessen Kern ich das luziferische Non serviam! wiedererkenne; mit dem ich mich also, ob es Iskander gefiele oder nicht – wahrscheinlich nicht! –, solidarisch erkläre.