DXM, ein Katalysator

Dextromethorphan ist ein Morphinanderivat, dessen Patent 1954 publiziert wurde. Die Erfindung aus dem Hause Hoffmann‑La Roche sollte als nicht abhängigkeitserzeugendes Hustenmedikament die gebräuchlichen Opiate Codein und Dihydrocodein ablösen, deren Suchtpotenzial bereits erkannt worden war. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde Dextromethorphan (DXM) unter dem Handelsnamen Romilar als rezeptfreies Hustenmittel verkauft. Die Tabletten wurden 1973 aufgrund gehäufter Missbrauchsfälle aus den Regalen verbannt. Fortan wurde DXM als Sirup verkauft mit der Absicht, den Missbrauch durch orale Einnahme durch die galenische Form zu bremsen. Nachdem jedoch Produkte mit erträglichem Geschmack und ausreichend hohem Wirkstoffgehalt auf den Markt kamen, wurden auch diese zu Rauschzwecken konsumiert.

In der Schweiz erhältlich ist seit 1987 das Arzneimittel Bexin des Herstellers Spirig Pharma. Bexin gibt es als Sirup, als Tropfen und als Filmtabletten, wobei letztere das für den Freizeitgebrauch bevorzugte Produkt sind. Bis vor kurzem waren sie noch problemlos rezeptfrei in Apotheken zu kaufen – dies schließt Online‑Apotheken ein, von welchen man sie sich bequem in den Briefkasten liefern lassen konnte. Mittlerweile sind diese „goldenen Zeiten“ jedoch vorbei, da die Tabletten in die Abgabekategorie B („Abgabe auf ärztliche Verschreibung“) aufgenommen worden sind – ein Resultat einer Kampagne gegen den insbesondere bei Jugendlichen gehäuft vorkommenden Missbrauch. Noch rezeptfrei erhältlich, wenn auch nicht mehr in der großen 20er‑Schachtel, sind in Deutschland die Hustenstiller‑ratiopharm Hartkapseln. Nebst der leichten Verfügbarkeit erklärt mit Sicherheit auch der Preis die Beliebtheit bei Jugendlichen – eine Packung Bexin kostet mit acht Franken weniger als eine Packung Zigaretten, und eine 10er‑Schachtel Hustenstiller‑ratiopharm ist für weniger als drei Euro zu haben.

Dass das Wort „Filmtablette“ auch eine andere Bedeutung haben kann, lernte ich irgendwann in den Jahren 2005-2008. Wohl eher 2005 (also mit 23). Ich erinnere mich vage, zu Primarschulzeiten bereits von Bexin gehört zu haben. Es ging damals das Gerücht, dass manche ältere Schüler dieses Medikament konsumierten. Durch das beliebte Pamphlet Drogen – Nein, danke! des Schweizerischen Jugendschriftenwerks erzogen hatte ich mir natürlich geschworen, niemals Drogen zu nehmen, und so kam ich nicht auf den Gedanken, es besagten Mitschülern gleichzutun. Aliquot annos post, als ich meinen kalten Entzug vom exzessiven Marihuanakonsum bereits hinter mir hatte, muss mich irgendetwas darauf gebracht haben, doch noch DXM zu probieren. Noch in meinem Zimmer bei den Eltern wohnend tastete ich mich also an meine Dosis heran. Die anfänglichen Todesängste waren bald überwunden, und von Mal zu Mal wurde mir die Reaktion meines Körpers auf die größer werdenden Mengen DXM vertrauter.

Im Dorf Lüsslingen‑Nennigkofen, unweit von meinem Wohnort, entstand in der zweiten Hälfte der 1990er eine Gemeinde von Menschen, die um den „Kristallisationspunkt“ Samuel Widmer (1948‑2017) ihre Vorstellung von Gemeinschaft leben wollten. Widmer, ein Psychiater, besaß, wie auch der ebenfalls im Kanton Solothurn ansässige Psychiater Gasser, bis 1993 eine Spezialbewilligung vom Bundesamt für Gesundheit, LSD und MDMA in der Psychotherapie einzusetzen. Der medientaugliche Widmer bleibt im Gedächtnis durch seine Auftritte im Schweizer Fernsehen, insbesondere in dem Reporter-Film „Der Guru von Nennigkofen – Samuel Widmer und die grenzenlose Liebe“ (2006). Durch seine offen gelebte Bigamie und den Einsatz bewusstseinserweiternder Drogen in der Gruppentherapie wird er unweigerlich für manche zum großen Satan, der im beschaulichen Dorf wilde Sex- und Drogenorgien feiert. Zieht man Kritikpunkte in Betracht, die auf einem etwas höheren Niveau angesetzt sind, muss man vielleicht dem Einwand stattgeben, dass Widmers Anspruch, eine eigene Schule der Psychiatrie zu gründen, und seinen nachdrücklichen Tabubrüchen etwas Grandioses anhaftet.

Wie dem auch sei – sieht man von dem hippiemäßigen Anstrich ab, welcher der Psycholyse von und um Widmer verliehen wurde, bleibt ein Ansatz, der in meinen Augen mehr Anerkennung verdient, als ihm zuteil wird. Besieht man Ergebnisse neueren Datums, scheint sich abzuzeichnen, dass Substanzen, welche vorwiegend eine sogenannte missbräuchliche Verwendung finden, möglicherweise in der Psychiatrie eine Zukunft haben. Selbstverständlich ist es nichts Neues, dass Rauschdrogen eine iatrische Relevanz besitzen, und vielleicht bedarf es nicht einmal eines spirituellen Rahmens, um die durch Drogen aktivierten Bewusstseinszustände für eine Arbeit an der eigenen ψυχή nutzbar zu machen.

Ich saß also in meinem Zimmer und lernte neue Dimensionen der Wirkung des DXM kennen. Waren es zunächst ein verändertes Körpergefühl und die intensiver gewordene Wahrnehmung von Musik, welche hervorstachen, bildete sich nach und nach meine individuelle, von den Reaktionen meines Gehirns bestimmte Zone heran, in welche mich die Substanz überführte. Es handelt sich dabei um einen Fundus an zustandsabhängigen Erinnerungen – Erinnerungen, die aktiviert werden, wenn ich die DXM‑Zone betrete, und die, ähnlich Träumen, wieder verblassen, wenn ich die Zone verlasse. Doch wie es möglich ist, sich an Träume zu erinnern, so ist es auch möglich, Impressionen aus der DXM‑Welt ins Alltagsgedächtnis zu heben. Mit den Jahren – denn es sollten Jahre sein, über die mich die Substanz begleitete – wurde die Verbindung zwischen den Gebietsgedächtnissen stärker, sodass meine Erinnerungen an den veränderten Zustand klarer und leichter abzurufen sind.

In besagtem Reporterfilm ist eine Szene zu sehen, in welcher eine Teilnehmerin einer Gruppentherapiesitzung nach Einnahme der Droge weint. Widmers Aussage dazu: es handle sich um eine Sitzung fortgeschrittener Teilnehmer, welche ohne Umschweife an einen Ort der Traurigkeit gelangen, während für weniger Erfahrene noch eine Phase der Angst vorgeschaltet sei. Man könnte den Eindruck gewinnen, eine psycholytische Sitzung sei notwendigerweise mit affektiven Mühen verbunden. Dass Psycholyse auch anders gehen kann – dass es, um es auf eine Formel zu bringen, eine DXM, ein Katalysator gibt, durfte ich in meiner jahrelangen Arbeit mit DXM erfahren. Es stellt sich nämlich heraus, dass es möglich ist, das hedonistische Gefallen am Rausch mit lebensdienlichen Transmutationen auf gedanklicher Ebene zu verbinden.

Besonders wertvoll ist nicht eine einzelne Erfahrung, sondern der Lernprozess, der sich über längere Zeiträume mit wiederholten Applikationen erstreckt. Denn wie oben erwähnt entsteht mit der Zeit ein Gedächtnis, in welches die unter dem Einfluss der Droge entstandenen Eindrücke eingehen. Dem geübten Nutzer ist es somit möglich, sein individuelles Referenzsystem zu entwickeln, mittels dessen er neue Zugriffe auf sein Gehirn erhält. Eindrücklich kommt die Malleabilität der gedanklichen Konstitution zutage, und fast scheint es, als könnte man sein eigenes Konnektom von Grund auf neu verdrahten – eine Übertreibung, selbstverständlich, denn ebbt die Wirkung ab, stellen sich alte Gleichgewichte wieder ein, und man wird wieder, wer man eingangs war.

Schöne Ferien.