Dehaut vergeht nicht

Mir bekannt:

Drei Tage die Woche arbeite ich im Büro, zwei im Home-Office. An Büro-Tagen habe ich jeweils einen Hin- und einen Rückweg von einer Stunde. Ich gehe morgens von meinem Haus zum Bahnhof, fahre eine halbe Stunde mit dem Zug und dann ein paar Minuten mit dem Bus zum Büro. Abends den umgekehrten Weg. Auf dem ganzen Arbeitsweg passiere ich Leute, die, wenn sie mich sehen, aussprechen: »Dehaut!« (Dialekt für »Dann halt!«) Auf dem Weg zum Bahnhof, auf dem Bahnsteig, im Zug, an der Bushaltestelle, im Bus – der Ausspruch fällt alle naselang.

Der Arbeitsweg ist das eine. Seit einigen Monaten entgeht mir zudem nicht, dass tagtäglich manche Leute mein Haus ansprechen. Nebst dem üblichen »Dehaut!« wird des öfteren auch am hellichten Tag »Guet Nacht!« gerufen – eine Höflichkeit, deren akkusatorischer Unterton im Kontext nicht zu überhören ist. Auch andere, längere Äußerungen werden gemacht. Manche davon ein Appell, ich möge mit den Leuten reden. Andere offenbar ein Versuch, eine Reaktion zu provozieren.

Fünf Dehauts pro Arbeitsweg sind eine übervorsichtige Schätzung, ebenso täglich fünf gegen mich gerichtete Aussprüche, während ich mich im Haus befinde. In Wirklichkeit sind es mehr, und dies kann von allen bezeugt werden, die das Phänomen beobachtet haben, weil sie mit mir ein Wegstück teilen, oder weil sie im Umkreis meines Hauses wohnen. Dass einige es beobachtet haben, steht für mich aufgrund gehörter Gesprächsfetzen außer Zweifel. Selbst mit dieser Schätzung (pro Woche 3x2x5 in der Öffentlichkeit plus 7x5 zuhause) kommt man auf 260 Sprechakte pro Monat. Dieser Zustand hält bereits seit Anfang 2018 an. Unter der Annahme, dass diese Frequenz für das ganze Jahr 2018 gilt, und dass das Jahr elf »Präsenzmonate« beinhaltet, sind 2018 insgesamt ca. 2860 dieser Sprechakte ausgeführt worden.

Angesichts des Phänomens drängen sich natürlich W-Fragen auf, insbesondere: Wer sind die Sprecher? Warum sprechen sie? Wie verhalte ich mich dabei? Warum entschließe ich mich, mich so und nicht anders zu verhalten?

Die Fragen zu beantworten, welche die Sprecher betreffen, ist nicht trivial, denn die Sprecher sind eine heterogene Menge, und entsprechend sind die Motive für das Sprechen unterschiedlich. Es sind buchstäblich Dutzende, die mich so ansprechen. Mit den meisten von ihnen hatte ich noch nie etwas zu tun. Die Ausbreitung dieser Angewohnheit beruht auf Mundpropaganda, deren Zeuge ich schon mehrere Male geworden bin. (Die menschliche Hörreichweite wird chronisch unterschätzt.) Bei aller Heterogenität sind es zwei Themen, die in den Vordergrund treten.

Das eine Thema sind verletzte religiöse Gefühle. Die Veröffentlichung meines Manifests »Mein Atheismus« im September 2017, inklusive meines Bekenntnisses zu einem modernen Satanismus, wie er vom Satanic Temple vertreten wird, kann ohne Zweifel als ein Stein des Anstoßes verstanden werden. Ob nun bei den evangelisch-freikirchlichen oder bei den katholischen Christen – ich vermute, dass der »Erst-Dehauter« in diesen Reihen zu finden ist. Anlass zum Entschluss, diese Maßnahme zu ergreifen, dürfte nebst meinem Text auch meine SoundCloud‑Seite gegeben haben, auf welcher Digitalkunst, deren Urheber ich bin, und die sich Religion zum Thema nimmt, sowie ein Zitat aus einem Songtext von Totenmond zu finden sind. Angesichts der Reaktionen, welche verletzte religiöse Gefühle in anderen Kulturen – und nicht nur dort – schon gezeitigt haben, ist es wohl als moderat zu werten, wenn man mir kollektiv Sprüche drückt und mich schräg von der Seite anquatscht. Gleichwohl muss ich zwei Dinge festhalten.

Zum einen, dass »Mein Atheismus« keine Du‑Botschaften enthält. Mit dem Text verwahre ich mich gegen Proselytisierung, »Freundschaftsbekehrung« u. dgl. – und Leute aus meinem Umfeld werden wissen, dass ich sehr wohl nach wie vor der Veröffentlichung auf dem Radar proselytisierender Christen war. Weiter erkläre ich, dass ich nicht einverstanden bin, wenn eine Entwicklung der Persönlichkeit unterstellt wird, welche notwendig in den Glauben führt, als ob es ein Merkmal einer höheren Entwicklungsstufe wäre, den Glauben angenommen zu haben. Es sollte eigentlich nicht gesagt werden brauchen, dass diese Unterstellung eine Herabwürdigung all jener Menschen bedeutet, die sich entwickeln, ohne dabei gläubig zu werden. Zum anderen, dass es in der gegenwärtigen Schweizer Gesellschaft erlaubt ist, religiöse Gefühle zu verletzen, solange die Rassismus-Strafnorm nicht verletzt wird.

Das zweite Thema ist die Empörung einer community-at-large. Die Anlässe zur Empörung sind wiederum vielgestalt. Den sie einenden Strang kann man wohl aber in dem Umstand sehen, dass ein Individuum auf die Zugehörigkeit zu einer Community verzichtet und sich infolgedessen nicht in einem üblichen Maße an die ungeschriebenen Gesetze der Community gebunden fühlt. Weil sich dies in meinem Fall ausschließlich in »Negativsymptomen« – nicht grüßen, alte Freunde nicht mehr kennen, nicht sprechen – äußert, bleibt denen, die mich maßregeln wollen, mangels rechtlicher Handhabe nur noch, durch das oben beschriebene Verbalverhalten um mich herum eine Dunstwolke des Unmuts zu bilden. »Negativsymptome« setze ich in Anführungs- und Schlusszeichen, weil ich mich gegen eine Pathologisierung verwahren muss. Dies ist mit ein Grund, warum ich schweige. Würde ich versuchen, gegen die Ansprachen vorzugehen, könnte man von der Bezeichnung »Sonderling«, welche ich als kleineres Übel hinnehme, dazu übergehen, mich einen Querulanten zu nennen, und es würden mir der Eintrag ins Gefährderregister sowie schlimmstenfalls die fürsorgerische Unterbringung drohen.

Ich habe auf »Dehaut!« und dergleichen Äußerungen nie etwas erwidert. An meine zero-response policy habe ich mich gehalten, ohne je eine Ausnahme zu machen. Dies werde ich auch weiter so tun, weil es das Richtige ist, und weil es ein Fehler wäre, mich auf ein Gespräch mit Leuten einzulassen, die sich auf die Position stellen, sie müssten mich ermahnen.

Daarom zweeg ik, zwijg ik en zal ik blijven zwijgen.

PS: Heute Premiere von Hail Satan? am Sundance Film Festival.